WM remixed #6

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Zwei ganze Tage ohne ein einziges WM-Spiel, der kalte Entzug schreit geradezu nach einem Zwischenfazit. Bis jetzt wohl eine WM der Superlative, der Rekorde, im Positiven wie im Negativen. Ausverkaufte Stadien, die meisten WM-Zuschauer aller Zeiten vor den Fernsehern weltweit, die offiziellen Fan-Feste der FIFA übertreffen publikumsmäßig alle Erwartungen, die inoffiziellen werden von Spiel zu Spiel größer, geiler, wahnsinniger. Auch im Schrebergarten. Auf der anderen Seite leere Sponsorenblöcke, ein florierender Schwarzmarkt mit Preisen blühendster Phantasie, in einer Partie erhält ein Spieler gleich dreimal die Gelbe Karte, bevor er doch noch einmal die Rote sehen darf, dazu gibt’s ein Rekordspiel in Sachen Gelbe und Rote Karten, eins in Sachen null (!) Tore einer Mannschaft im Elfmeterschießen – und im Schnitt viel zu wenig richtig gute, mitreißende, spannende Spiele auf hohem Niveau.

Als Ausgleich dafür, dass diesmal die deutsche Elf überzeugenden Offensivfußball zelebriert, haben sich einige der üblichen Verdächtigen in der Schönspielerei dann doch etwas zurückgenommen, stolpern als „Turniermannschaft“ durch die WM, mogeln sich durch Vorrunde und Achtelfinale im Stile früherer deutscher Mannschaften, sparen Kräfte für vermeintlich Entscheidenderes. Gut, der Italiener, wie Kaiser Franz sagen würde, von dem ist man das ja schon gewohnt, defensiv derbe zur Sache gehen, den Schiri in letzter Sekunde aktiv für einen Elfer begeistern, 1-0 gewinnen, was kümmern einen die Roten Karten von gestern. Aber von Mannschaften wie Frankreich (allezallezallez), Brasilien (Ronaldinho?), England (gähn!) oder Portugal (der Scolari-Effekt) erwartet man eher nicht, dass nur Cleverness und Einzelaktionen Trumpf sind, dass zuerst auf Ergebnis gespielt wird, nicht mehr getan wird als nötig.

Und ein ganz besonderer der üblichen Verdächtigen in Sachen begeisterndem Offensivspiel ist bereits nach Hause gefahren. Nein, nicht Trinidad & Tobago! Die Holländer hat’s erwischt bei dem Versuch, sich nicht dutch, sondern deutsch durchs Turnier zu spielen. Unterkühlt bis zerstritten stolperte Oranje als zusammenhangsloses Plagiat über den Platz, und dabei hatte FANartisch Orange schon voreilig zur gefährlichsten Farbe des Sommers erklärt. (Okay, wir hatten ja auch schon vom tschechischen Mittelfeld geschwärmt – haben wir je gesagt, wir hätten Ahnung vom Fußball?) Wer hätte denn auch ahnen können, dass Van Persie und Sneijder einander auf dem Platz überhaupt gar nichts recht machen können, dass Van Basten Van the Man demütig(end)st auf der Bank versteckt, dass Van der Vaart gar nicht in Tritt kommt, dass ein bisschen Härte reicht, um Robben komplett den Schneid abzukaufen.

Kein Wunder, dass ein Ästhet wie Günter Netzer weinerlicher als Harry Rowohlt in seiner Paraderolle als Maulwurf in „Der Wind in den Weiden“ jammerte: „Das sind nicht mehr meine Holländer, die mag ich so nicht! Früher war das Dogma ihrer Spielweise, Dominanz auszuüben, den Ball zirkulieren zu lassen und, äh, in solchen Phasen auch über schwierige Situationen hinauszukommen. Heute sind sie derartig orientiert (…), das ist etwas, was völlig unterschiedlich zu früheren Zeiten ist, und ich bin keineswegs angetan, nicht von ihrer Spielweise und dem Erfolg im weiteren Turnier!“ Aha, Prophet Jünter hatte wieder mal so was von Recht. Wie konnte er das nur wissen mit dem „Erfolg im Turnier“? Hoffentlich Recht hat denn auch Béla Réthy, schlimmhaftiger Töpperwien-Klon vom ZDF: Als der Schlager „Ohne Holland fahrn wir nach Berlin!“ angestimmt wurde, plapperte er etwas von „die Fans haben ja Recht“! FANartisch meint: Hoffentlich! Recht so! Wer ist eigentlich dieser Argentinien?

R.I.P. Bruno!

TOM S. HUNTER

PS: Lachen? Schlimmer denn je: Post von Wagner


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